Sing, wem die Stimme gegeben!

Die mit Sicherheit harmloseste Geschichte, die ich je erzählt habe – vielleicht weil sie meiner Beobachtung und nicht der Fantasie entsprang.


Vor einem Jahr befestigten wir eine Nisthöhle aus Reisig, vor Nässe und Nesträubern geschützt unter dem Vordach unseres Wochenendhauses. Im Frühjahr schauten Meisen vorbei, auch ein paar Grünfinken. Doch irgendwie schien sie keinem Vogelpaar geeignet für die Aufzucht ihrer Nachkommen - vielleicht wegen der Nähe zu uns, schließlich war unser Esstisch, auf der Terrasse keine fünf Meter entfernt.


Eines Tages, es war mittlerweile Sommer geworden, kam ein Rotkehlchenpaar daher geflattert und schaute sich in unserem Garten um. Es schien auch uns genau in Augenschein zu nehmen, bevor es die Höhle inspizierte und sich schließlich gemütlich darin einnistete. Allerhand auspolsternde Materialien wurden in den kleinen, spitzen Schnäbeln heran getragen, bis das Nest ausreichend weich war, drei Eier darin zu legen.


Fleißig versorgte der kleine Rotkehlchenmann seine brütende Frau den ganzen Tag mit Insekten, die er im Flug und am Boden zusammen sammelte. Durch uns ließ er sich dabei nicht stören. Ganz im Gegenteil, harkten oder rechten wir im Garten, saß er oft ganz in der Nähe und passte auf, ob wir eventuell einen Wurm zu Tage beförderten. Vor unseren Blicken allerdings verborgen, erblickten drei Küken das Licht der Welt. Erst als sie schon ein bisschen gewachsen waren und auch die Mutter das Nest zur Nahrungssuche verließ, konnten wir einen kurzen Blick auf die kleinen Schreihälse erhaschen.


Ich wünschte mir sehr mitzubekommen, wenn die kleinen Nestlinge das Nest verlassen, um sie ein wenig zu beschützen, denn allerhand Gefahren lauerten ringsum. Nicht nur die Katze der Nachbarn durchstreifte regelmäßig unseren Garten, auch Waschbären und Füchse kamen zu Besuch.


Leider waren wir ausgerechnet an diesem Tag nicht da, stellte ich traurig fest, als ich das leere Nest nach unserer Rückkehr aus der Stadtwohnung vorfand. Kein eifriges Flattern, kein Piepen und Singen. Sie waren ausgeflogen.


Aber einem Rotkehlchen schien es bei uns zu gefallen, dem kleinen Caruso - wie freute ich mich ihn zu sehen. Er setzte sich gerne in unsere Nähe, legte den Kopf schief und sang. Manchmal flatterte er aufs Dach des Hauses und schmetterte Warnrufe in den Himmel, doch meist saß er auf einem Zweig oder sogar auf der Lehne unserer Sonnenliegen und trällerte melancholisch, schöne Melodien.


Als der Winter kam und wir die meiste Zeit in der Stadt oder zumindest im Inneren des Hauses verbrachten, hatte ich Caruso fast vergessen. Ich nahm an, er sei mit seinen Artgenossen nach Süden geflogen. Eines Tages aber, wir waren gerade dabei in der Einfahrt das Laub zu rechen, flatterte er plötzlich fröhlich neben dem Rechen her.

Caruso hatte sich, von uns unbemerkt unter unserem Auto, geschützt vor Regen und großen Tieren, gemütlich eingerichtet. Wenn er mich morgens aus dem Haus kommen sah, hüpfte er hervor und erwartete seine täglich Ration Futter, die ich ihm liebend gerne vor die Stoßstange des Wagens legte.



Kam eine Meise, Amsel oder sogar Eichelhäher vorbei, die sich anstatt, an der extra für sie eingerichteten Futterstelle, an Carusos Portion vergreifen wollten, schnellte dieser wie eine Muräne aus der Koralle, unter dem Auto hervor und bewies, dass Mut und Entschlossenheit auch den dicksten Rivalen in die Flucht schlagen konnte.


Der Frühling kam, Caruso blieb. Seit den warmen, sonnigen Tagen, flattert und springt er durch den Garten, sitzt mal hier und mal dort, trällert seine Liedchen – ich meine, es sind Liebeslieder – und erfreut damit mein Herz. Wer weiß, vielleicht hört ein weibliches Rotkehlchen seinen schönen Gesang.


Die Nisthöhle wäre bereit.


  • eine wahre Geschichte






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